Direkt vorweg, wir haben jeden einzelnen unserer Business-Class Flüge bezahlt. Man kann aber auch anders ins Flugzeug oder in höhere Klassen kommen: Über das Sammeln von Meilen. Ich sehe das zwiegespalten.
Wir durften bereits mehrfach erleben, wie es ist, Business Class zu reisen - und es ist einfach großartig. In 10.000 Metern Höhe mit Blick über die Wolken Champagner zu trinken oder exzellentes Essen zu genießen, von freundlichem Personal umsorgt zu werden, Nachtflüge wie in einem Hotelbett zu verbingen und am nächsten Morgen entspannt auszusteigen. Im A380 von Fluggesellschaften wie Emirates gibt es im hinteren Bereich des Upper Deck, das ausschließlich mit First und Business Class bestuhlt ist, eine Full Service Bar mit Lounge. Für solch ein Reiseerlebnis werden allerdings entsprechend hohe Preise aufgerufen. Der Kreis, der sich das leisten kann und will ist entsprechend klein - oder man sammelt Meilen.
Meilen-Community als Business
Natürlich bekommt man große Augen, wenn man in ein Flugzeug steigt und durch die Business Class geht oder gar mal einen kurzen Blick in die First Class werfen kann, um zu seinem Economy Platz zu kommen. Das weckt den Wunsch auch so zu reisen. Und es weckt Neid. Immer wenn das der Fall ist, ist das nächste Geschäftsmodell nicht weit. Im Netz hat sich inzwischen eine mehrere Hunderttausend starke Community darum gebildet, wie man am effektivsten Meilen sammelt. Denn das geht nicht nur mit Flügen, sondern mit alltäglichen Ausgaben. Unter anderem mit Payback-Punkten oder mit Kreditkarten & Co. lassen sich Ausgaben so optimieren, um maximal Punkte oder direkt Meilen zu sammeln und diese wiederum für Flüge (Economy, Business etc.) oder Upgrades einzulösen. Es werden (kostenpflichtige) Kurse dazu angeboten, die mal mehr mal weniger seriös sind. Und die Influencer pushen das Ganze natürlich mit traumhaften Fotos und Reels via Instagram oder TikTok, wenn sie dann zeigen, wie sie Business Class für 300 € nach Mauritius gekommen sind. Das gibt dann auch noch Klicks und Follower. Und damit kommen dann Werbeeinnahmen und die Kooperationspartner. Schwups, das Business ist geboren.
So schnell geht das nicht ...
So toll und einfach wie das bei Social Media aussieht, denkt man sich natürlich "Das will ich auch!". Klar, ich finde den Gedanken auch nicht so abwegig, dass man für seine täglichen Ausgaben scheinbar kostenfrei - denn natürlich bezahlt man mit seinen Daten, wenn man sich bei Payback etc. anmeldet - noch einen weiteren Gegenwert obendrauf bekommt. Und diesen dann wiederum so reinvestieren kann. Was man aber nicht vergessen darf, für einen Oneway-Flug in der Business Class sind je nach Ziel ab 50.000 Meilen fällig. Eher mehr. Für eine dreiköpfige Familie wie uns sind das mindestens 300.000 Meilen, eher 500.000 Meilen, wenn man hin und zurück kommen möchte. Dafür muss man verdammt lange Punkte sammeln ...!
Oder man optimiert das Ganze und legt sich eine Kreditkarte zu, bei der man einen ordentlichen Punkte-Willkommens-Bonus bekommt und mit jeder Transaktion ebenfalls Meilen sammelt. Da profitieren dann natürlich die Banken bzw. Kreditkarten-Institute, weil diese Konten und Karten nicht billig sind und teils hohe Mindestumsätze in einem gewissen Zeitraum erfordern. Lest euch also unbedingt das Kleingedruckte durch, bevor ihr euch von einem hohen Bonus verleiten lasst, solch einen Vertrag abzuschließen. Damit geht das Punkte/Meilen sammeln dann zwar durchaus schneller, aber auch nicht von heute auf morgen.
Um zu einem Freiflug oder Upgrade zu kommen, reicht es nicht, einfach nur die Karten hinzuhalten, sondern man muss sich mit dem ganzen Thema auch auseinandersetzen. Wie man welche Coupons einsetzt, um Punkte zu maximinieren etc. Oder sich über diverse Kanäle belesen, wie man zum Beispiel auch größere monatliche Beträge wie Mieten, Versicherungen etc., die sonst als Überweisungen zählen, als Kreditkartenbuchungen mit Punkten abwickeln kann. Wobei manche Wege inzwischen schon wieder seitens der Banken gesperrt wurden und offenbar nicht so ganz legal waren. Kurzum, man muss auch hier dran bleiben, geschenkt wird einem da nix. Auch wenn es bei den Influencern so aussieht.
Zwickmühle
Nun sind die Fluggesellschaften aber in einer Zwickmühle. Einserseits profitieren sie natürlich von der Kooperation mit den Banken über die Kreditkarten-Programme oder das Werbeding via Payback. Nicht umsonst sind die ganzen Meilen-Programme bei den Fluggesellschaften inzwischen eigene, gewichtige Sparten. Umgekehrt verschrecken sie über die via Social-Media befeuerte, stetig wachsende Anzahl an Leuten, die nun über fast kostenfreie (gibt noch diverse Zuzahlungen) Meilen-Buchungen in den höheren Klassen landen, die ursprüngliche Klientel.
Das zeigt die Anpassung des Meilen-Programms von Lufthansa zu Juni 2025. Es löste vorab eine riesen Welle in der Community aus, von einer "massiven Abwertung des Punkte-Programms" war die Rede. Bisher scheint sich das vor allem auf First Class Kontingente auszuwirken. Business Class Flüge sind mit geschickter Buchung von teils ausländischen Abflughäfen noch recht gut zu bekommen und normale Economy Flüge können offenbar sogar viel besser mit Meilen gebucht werden.
Merkt ihr was? Für mich zeigt es deutlich, dass Lufthansa zwar das Sammel-Programm attraktiv halten möchte, aber gleichzeitig langsam anfängt die Klientel in den exklusiveren Klassen wieder zu beschränken. Andere Fluggesellschaften wie Emirates haben das bereits ebenso gehandhabt oder ziehen nach. Es stößt eben dem Aktienvorstand doch sauer auf, wenn er plötzlich neben Lieschen Müller oder irgendwelchen Möchtegern-Influencern sitzt, die jede Kleinigkeit des Fluges fotografieren, filmen oder beim Gratis-Champagner ein Glas zu viel trinken. Man ist gerne unter sich. Und auch eine Fluggesellschaft möchte natürlich lieber einen (teuer) verkauften Platz als diesen quasi Gratis zu vergeben.
Flexibel sein
Natürlich haben die Fluggesellschaften derzeit auch schon einen Hebel, um kostendeckend zu arbeiten und die Klientel zu steuern. Ein nur via Meilen gebuchter Flieger wäre schlichtweg nicht profitabel. Die (freigeschalteten) Buchungs-Kontingente. Es ist nämlich nicht so, dass ihr einfach nur genug Meilen haben müsst, um dann jeden beliebigen Flug buchen zu können. Es gibt immer nur bestimmte Kontingente, die mit Meilen buchbar sind. Das heißt, ihr loggt euch bei eurer Fluggesellschaft ein, wo ihr einen Flug buchen wollt und müsst dann schauen, ob ihr diesen auch mit Meilen buchen könnt. Und natürlich, beliebte Strecken/Ziele oder bestimmte Zeiten (wie Ferien) sind dabei weitaus beschränkter verfügbar - wenn überhaupt. Wenn ihr also denkt, ich hab genug Meilen, dann kann ich mit der Familie in den Herbstferien in den Urlaub fliegen, dann werdet ihr ziemlich enttäuscht werden. Erst recht, wenn ihr mit mehr als einer Person unterwegs sein wollt. Es kann natürlich sein, dass ihr Glück habt, weil sich die verfügbaren Kontingente je nach aktueller Buchungslage dynamisch ändern, das bedeutet aber konsequentes Monitoring. Wenn ihr also mit Meilen fliegen wollt, solltet ihr zeitlich flexibel sein. Nicht umsonst ist ein Großteil der Influencer, die das Ganze via Social Media pushen entweder Single oder als Paar unterwegs. Es gibt zwar Ausnahmen, aber das sind dann auch schon die richtigen Profis, die sich das alles über diverse Wege/Portale zusammenschustern.
Torpediert sich
Das Geschäftsmodell der Meilen-Influencer (wie "hauptsache_denise" auf Insta) als auch diverser Websites (frankfurtflyer.de oder reisereporter.de), die sich zum Teil auf dieses Feld spezialisert haben, funktioniert allerdings nur so lange, wie das Meilen-Prinzip so "vermeintlich" einfach erreichbar ist und damit für eine große Community attraktiv bleibt. Hier kam als Reaktion auf die Meilen-Anpassung der Lufthansa auch gleich die Beschwichtigungs-Taktik: "Macht euch keine Sorgen, erstmal abwarten!" oder "Ist gar nicht so schlimm, Meilen sammeln lohnt sich weiter!". Natürlich wollen die ihre User halten und damit ihr Business weiter verfolgen. Wenn aber nun irgendwann zu viele Leute auf diesen Zug aufspringen, ziehen die Fluggesellschaften eben die Reißleine. Ich bin tatsächlich gespannt, wie lange das weitergeht, denn auf Instagram & Co. schießen immer mehr Kanäle zum Thema Meilen sammeln aus dem Boden. Die erste Antwort der Fluggesellschaften darauf kam bereits. Wenn das so weiter geht, vermute ich, dass es eine weitere Abwertung von Meilen geben wird, also der Meilenpreis für Flüge steigt. Oder die Fluggesellschaften gehen dahin zurück, dass man Meilen nur "erflogen" bekommt und nicht mehr über Einkäufe & Co. Dann ist das derzeitige Geschäftsmodell auf Insta & Co. natürlich futsch.
Anspruchdenken und Gratis-Mentalität
Ich bin keine Grüne-Klimaaktivistin die sagt, man soll nicht mehr fliegen. Wir fliegen auch. Aber bewusst. Denn Fliegen ist nach wie vor immer noch das schädlichste Verkehrsmittel für die Umwelt. Nur mal so in den Raum geworfen. In einen A380 passen knapp 320.000 Liter Kerosin, davon kann man ein Auto mit 50 l-Tank 6.400 mal tanken! Überlegt man sich jetzt noch, dass es Tage gibt, an denen weltweit bis zu 200.000 Flugzeuge in der Luft sind, dann sind die Dimensionen, was da oben los ist und was das mit unserer Erde macht, einfach gruselig. Das ist einem Großteil derjenigen, die für 500 € eine Woche oder gar nur ein Wochenende wegfliegen, ziemlich egal. Hauptsache in die Sonne, hauptsache billig. Die Konsequenzen daraus, trägt man ja auch nicht jetzt, sondern mal "irgendwelche" kommenden Generationen.
Versteht mich nicht falsch. Ich finde gut, dass (weltweite) Reisen über die Jahrzehnte hinweg nicht mehr nur für die Oberschicht möglich, sondern für alle erschwinglich geworden ist. Aber gleichzeitig wurde es damit massiv abgewertet. Es wurde zur Selbstverständlichkeit, dass man die Welt entdecken kann. Der Preiskampf als u. a. HapagLloyd mit "Fliegen zum Taxipreis" geworben hat, trieb das Ganze noch auf die Spitze. Damit ist ein Anspruchsdenken entstanden, dass man quasi ein Anrecht darauf hat, eine Flugreise zu machen. Nun ist Reisen wieder teurer geworden und es wird nach Wegen gesucht, wie man seinen einmal erlebten, aber nun nicht mehr finanzierbaren Standard weiter beibehalten kann. Da kommt das Meilen sammeln gerade recht. Es trifft genaus diesen Nerv, wie die wachsende Community zeigt.
Ein bisschen bodenständiger bitte
Dass man einfach mal sparen kann, um in den Urlaub zu fliegen, das scheint vielen gar nicht mehr in den Sinn zu kommen. Ja, das sagt die, die so leicht reden hat und auch Business Class in den Urlaub fliegt. Aber wir verreisen eben auch nicht jedes oder gar mehrfach im Jahr. Wir suchen uns Ziele raus, auf die wir bewusst sparen und dann eben mehr dafür ausgeben. Klasse statt Masse.
Wenn sich eine Familie über das Punkte-/Meilen-Sammeln Flüge für einen Urlaub erlauben kann, der sonst vielleicht nicht drin gewesen wäre, dann finde ich das toll! Aber inzwischen haben sich darüber einfach Auswüchse entwickelt, die für mich ein absolutes No-Go sind. Auf die Spitze getrieben hat es für mich einer, der vor dem bösen potenziellen Meilenverfall einfach mal mit seiner Frau Punkte verprasst hat und ein ganzes Wochenende mit vielen Zwischenstopps nur (Langstrecke via Indien & Co.) über den Wolken verbracht hat - ohne Ziel, nur um des Fliegens willen und dem Luxus über den Wolken. So komplett sinnlos die Welt verpesten macht mich einfach nur wütend. Was mal als Bonus für diejenigen gedacht war, die viel unterwegs sind, hat sich für manche über Umwege wie Payback, Kreditkarten & Co. als Eintrittskarte in eine Welt entwickelt, die ansonsten nicht erschwinglich ist. Und das finde ich durchaus gefährlich, denn es fördert den Widerspruch der Anspruchs-Billig-Mentalität. Dabei würde ich mir genau beim Thema Reisen wünschen, dass viele mal wieder den Blick öffnen und dankbar sind für die Möglichkeiten, die wir heute überhaupt haben.
Übrigens ...
Auch wenn wir bisher jeden (Business-)Flug bezahlt haben, merkt ihr natürlich anhand dieses Artikels, dass ich mich mit dem Thema auseinandersetze. Woher wüsste ich das sonst mit den Überweisungen via Kreditkarte & Co. Eine gute und seriöse Quelle, wenn ihr euch ohne Extrakosten für Influencer-Seminare zum Meilen-Sammeln etc. belesen wollt, ist tatsächlich reiserepoerter.de. Und ja, ich habe das Meilen-Sammeln auch angefangen. Mit unseren Flügen haben wir bereits einige Meilen gesammelt und mitgenommen, ohne dass ich es wirklich aktiv vorangetrieben hätte. Aber wenn diese schon als Basis vorhanden sind, warum nicht darauf aufbauen? Ein Payback-Konto war in der Familie seit Jahren vorhanden, also nutzen wir das jetzt als Mitsammler (inklusive damit verbundener kostenloser Amex-Payback-Kreditkarte), um das Payback-Konto aufzustocken und diese Punkte in Meilen umzuwandeln. Mal sehen, wann wir den ersten Freiflug oder das erste Upgrade zusammen haben ...
